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Kolumne: Sind Sie ein Adenalin Junkie?

Sind Sie ein Adrenalin Junkie?

Stürzen Sie sich freiwillig von Brücken und vertrauen Ihr Leben einem Gummiseil an? Tauchen Sie in einem Käfig zu Haien oder lieben Sie vielleicht das Klettern ohne Seil und Sicherungshaken an einer Felswand?

All das mache ich nicht! Nein, ich muss gestehen, dass keines meiner Steckenpferde – um ein Wort aus der Liste der gefährdeten Wörter zu benutzen – mit unnötiger Gefahr verbunden ist. Ich fahre sehr gerne Fahrrad! Immer noch kein E-Bike, sondern ein über 20 Jahre altes, analoges Mountainbike, das die Berge nur aus der Ferne kennt. Mit Schutzblechen und Gepäckträger versehen, erinnert es kaum noch an seine einstige Bestimmung, querfeldein durchs Gelände zu pflügen. Meine Radtouren führen mich meist ohne Stoppuhr gemütlich und schlendermäßig im Flachland nach Ladenburg, Heidelberg oder Worms. Immer ohne Tour-de-France-Outfit – und ganz wichtig mit einem Einkehrziel in den Zielkoordinaten.

Vom amerikanischen Präsidenten John F. Kennedy soll das Zitat stammen: „Nichts ist vergleichbar mit der einfachen Freude, Rad zu fahren.“ Recht hatte er!

Allerdings gibt es etwas, das eventuell mit Risiko verbunden ist, auch wenn ich es ausblende, sobald ich im Cockpit sitze: Ich liebe die Fliegerei. Nicht, dass ich selbst je den Flugschein absolviert hätte, aber das Mitfliegen im Segelflugzeug, Motorflugzeug oder Doppeldecker ist für mich pures Glück. Auch für diese Ausgabe des Stadtmagazins durfte ich in ein Segelflugzeug steigen. Großen Dank an meine junge Pilotin Franzi Pawel von der Bensheimer Segelfluggemeinschaft, die mich mit ihren erst 17 Jahren so sicher durch die Lüfte manövrierte.

Schon mein Vater träumte vom Fliegen und hat als 15-Jähriger auf der Wasserkuppe mit einem Gleitflieger erste Sprünge in die Luft unternommen. Die Begeisterung der Jugendlichen für die Fliegerei wurde vom NS-Regime geschürt und ausgenutzt, und auch mein Vater meldete sich freiwillig zur Luftwaffe. Wahrscheinlich zu seinem Glück bekam er keine Ausbildung zum Piloten, und es blieb ihm erspart, in den letzten Kriegstagen verheizt zu werden. Mit 17 Jahren war er in Südfrankreich beim Bodenpersonal der Luftwaffe, und am 28. November 1944 endete für ihn der Krieg im Elsass mit einem Beindurchschuss. Ich bekomme Gänsehaut, wenn ich daran denke, da ich 17 Jahre später ebenfalls an einem 28. November auf die Welt kam. Das Fliegen war für ihn ein Traum, der nie Wirklichkeit wurde.

Auch ich habe es verpasst, selbst einmal ein Flugzeug zu fliegen, was jedoch meine Familie begrüßt. Alle sagen, es wäre so sicherer – nicht nur für mich! Jetzt lasse ich die Experten fliegen und konzentriere mich auf das Fotografieren. Als Jugendlicher baute ich zahlreiche berühmte Flugzeuge aus Plastikmodellbausätzen, einer davon war die Ju 52, die „Tante Ju“. Und als dann bei den Bensheimer Segelflugtagen die Möglichkeit bestand, mitzufliegen, ging ein Kindheitstraum in Erfüllung. Wäre das nicht schon genug gewesen, durfte ich anschließend aus einem Hubschrauber heraus die Ju 52 beim Überflug über Schloss Auerbach fotografieren. Vielleicht muss ich doch etwas von dem eingangs Erwähnten revidieren, dass ich jegliche Gefahr eigentlich meide. Für die Fotos hatte man beim Hubschrauber die Tür ausgehängt, und ich saß zwar angeschnallt, aber doch ziemlich luftig im Hubschrauber.

Und so bleibt als Resümee, dass so manches, was aus der Ferne gefährlich und verrückt erscheint, für den Handelnden ein kalkulierbares Risiko ist. Bis er vom Hai gefressen wird.

Bleiben Sie gesund.
Thomas Neu